Wie viel wissen Russen über den Krieg gegen die Ukraine? Wissen die Russen, wer den Krieg begonnen hat und was wird in den russischen Medien erzählt?
Die kurze und langweilige Antwort ist: So genau wissen wir nicht, was die Russ:innen über den Krieg wissen und was sie über ihn denken.
Es ist extrem schwierig, zuverlässige Umfragedaten aus Russland zu bekommen. Einerseits unterliegt bereits die Durchführung von Umfragen starken Beschränkungen. Andererseits wissen die Menschen in Russland, dass das Regime autoritär ist. Deshalb sind sie sehr vorsichtig mit dem, was sie sagen. Auch Umfrageergebnisse, die auf Putins Beliebtheit hindeuten, sind deshalb mit Vorsicht zu geniessen.
Sicherlich sehr wirksam ist die Staatspropaganda. Sie vermittelt den Menschen etwa, die Ukraine habe den Krieg begonnen, der Westen habe ihn provoziert und Russland verteidige lediglich seine Sicherheitsinteressen. Viele Menschen konsumieren das Staatsfernsehen. Je bildungsferner sie sind und je weiter sie von den Zentren Moskau und St. Petersburg entfernt leben, desto höher ist der Anteil derjenigen, die diese Darstellung auch glauben.
Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass die Menschen in Russland bereits seit sowjetischer Zeit nationalistischer Propaganda ausgesetzt sind. Das hat ihre Sicht auf die Welt geprägt. Gleichzeitig gibt es heute über VPNs oder Telegram-Kanäle Möglichkeiten, an kritische Informationen zu gelangen. Wer möchte, kann sich also informieren. Doch um überhaupt danach zu suchen, muss man meist schon vorher kritisch eingestellt sein.
Sowohl Forscher:innen, die mit Daten aus Russland arbeiten, als auch meine persönlichen Kontakte im Land berichten, dass sehr viele Menschen so tun, als gäbe es den Krieg gar nicht. Sie versuchen, die Situation nicht an sich heranzulassen.
In Regionen, in denen verstärkt mobilisiert wird oder die häufiger von ukrainischen Drohnen angegriffen werden, wird das schwieriger. In Moskau und St. Petersburg hingegen tut das Regime viel dafür, den Krieg aus dem Alltag der Menschen fernzuhalten.
Anders sieht es aus, wenn man in einer Stadt oder Region lebt, in der viele Männer eingezogen werden, im Krieg fallen oder mit vergleichsweise viel Geld zurückkehren. In manchen ländlichen Regionen werden Menschen durch den Krieg tatsächlich deutlich wohlhabender. Auch die Entschädigungen an Hinterbliebene gefallener Soldaten können sehr hoch sein. Das führt teilweise zu zynischen Formen von Bereicherung und Korruption.
Siehe dazu etwa:
Watson: «Schwarze Witwen» und der Tod russischer Soldaten
Und hier:
Die Zeit: Frauen in Russland und der Krieg
Das heisst: Manche Russ:innen kennen den Krieg sehr unmittelbar und profitieren sogar von ihm. Andere wissen gut Bescheid, weil sie dem Regime gegenüber schon vorher kritisch eingestellt waren.
Wer dagegen bereit ist, den nationalistischen und imperialistischen Erzählungen zu folgen, die seit Jahrzehnten verbreitet werden, wird mit grösserer Wahrscheinlichkeit auch den staatlichen Informationen über den Krieg glauben.
Die russische Gesellschaft lässt sich deshalb nicht einfach in «informiert» und «uninformiert» aufteilen. Vielmehr gibt es ein Nebeneinander von Wissen, Verdrängung, Propaganda, persönlicher Betroffenheit und bewusster Informationssuche.
Besten Dank für die Frage! Rückfragen beantworte ich gerne.