Wie hängen Sprache und wissenschaftliches Denken zusammen?

Wissenschaftliches Denken wird weniger durch einen Sprachstil beeinflusst als durch soziale Prozesse, die aushandeln, wie Phänomene benannt werden.

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Liebe Forscher*innen,

ich habe einmal gehört, die Tendenz in der deutschen Sprache, Nicht-Menschliche Nomen zu personifizieren, habe zu einem anderen Wissenschaftsverständnis als bspw. in China geführt. Im Chinesischen wird anscheinend mehr über Zustände gesprochen und es werden weniger Personalpronomen verwendet.

Es gibt Studien, die belegen, dass Sprache deterministisch für die individuelle und kollektive Wahrnehmung sein kann. Jedoch frage ich mich, ob dies so weit reichen kann, dass aufgrund Sprachdifferenzen wissenschaftliche Fortschritte in verschiedenen Kulturen, unterschiedlich verlaufen können.

Mir ist bewusst, dass man diese Frage nicht generell beantworten kann (da Sprache der viel kleinere einschneidende Faktor ist als beispielsweise die ökonomischen Begebenheiten). Nichtsdestotrotz ist eine gewisse Kausalität denkbar.

Liebe Grüsse

Lili

Vielen Dank für diese Frage! Sie ist nicht einfach zu beantworten... Die Frage wäre also, ob bestimmte sprachliche Eigenheiten zu unterschiedlichen Weltbildern führen – und hier: zu unterschiedlichen Arten, Wissenschaft zu betreiben.

Sprache und Denken

Der Zusammenhang von Sprache und Denken wird schon sehr lange diskutiert. Der sog. sprachliche Relativismus, zurückgehend auf Whorf und Sapir, postuliert einen engen Zusammenhang. Sie sagten z.B., dass die Art und Weise, wie in einer Sprache Zeit und Raum ausgedrückt wird, einen Einfluss darauf hat, wie wir Zeit und Raum wahrnehmen und zu komplett unterschiedlichen Weltbildern führen würden.

In dieser Radikalität konnte die Hypothese von Sapir und Whorf nicht belegt werden. Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang. Denken wir nur daran, wie die Begriffe Frau und Mann unser Verständnis von Geschlecht prägen.

Im Fall der Wissenschaft sehe ich folgende interessante Zusammenhänge:

Wissenschaftliches Schreiben

Sie haben den Nominalstil angesprochen. Also: "Die Prüfung der Hypothese führte zu Unklarheit." vs. "Wir prüften die Hypothese und sind uns unsicher." Diese stilistischen Varianten dienen eher dazu, sich einer bestimmten Community zuzuordnen: Ich muss "typisch wissenschaftlich" schreiben, damit ich in der Wissenschaft ernst genommen werde (zusätzlich muss ich natürlich auch gute Wissenschaft betreiben). Hier gibt es deutliche Unterschiede – schon zwischen dem deutschen und dem angelsächsische Stil (der sich durch mehr Ich-Pronomen und eine einfachere Syntax auszeichnet). Dieses stilistische Sich-Einschreiben in eine Forschungsgemeinschaft gilt sicher auch für die chinesische Wissenschaft. Aber ich glaube nicht, dass dadurch völlig unterschiedliche Wissenschaften entstehen, zumal die Wissenschaft auch immer stärker international im Austausch ist.

Denkkollektive

Interessant finde ich aber, die Überlegungen von Ludwik Fleck zu lesen, der von der "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" gesprochen hat. Ihn interessierte, wie in der Wissenschaft sogenannte "Denkkollektive" vorgeben, wie wir auf unsere wissenschaftlichen Gegenstände schauen. Damit ich durch ein Mikroskop tatsächlich Bakterien sehe, muss ganz viel, auch sprachlich, gegeben sein: Ich muss der Überzeugung sein, dass es Bakterien gibt, dass sie in einer Kultur gezüchtet werden können, durch Verfärbungen o.ä. sichtbar gemacht werden können etc. Dafür ist auch Sprache wichtig: Wenn zuerst nicht überhaupt eine Bezeichnung da ist, wie etwas genannt werden könnte, sehe ich es auch nicht.

Insofern ist Sprache und wissenschaftliches Denken sehr eng verknüpft. Aber ich glaube nicht, dass so etwas wie Nominalstil ein relevanter Einflussfaktor ist, eher soziale Prozesse, die aushandeln, wie Phänomene benannt werden. Dies beeinflusst dann wiederum das wissenschaftliche Denken.