Was unter «Jungend» zu verstehen ist und ob es überhaupt eine Phase gibt, die man als «Jugend» bezeichnen kann, wird von gesellschaftliche Bedingungen, Institutionen, Praktiken und Wertvorstellungen entschieden.
Welche Merkmale prägen die "Jugend" in verschiedenen Kulturen und Zeiten; durch welche sozialen Aspekte wird "Jugend" besonders beeinflusst? Welche Unterschiede bestehen zwischen den verschiedenen kulturellen und historischen Verständnissen von "Jugend"?
Das Deutsche Jugendinstitut definiert «Jugend» so: «Die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein ist eine des Umbruchs und der Übergänge: Identitätsfindung, Pubertät, erste große Liebe, die Abnabelung vom Elternhaus, das Ende der Schulzeit, der Einstieg in den Beruf, politische Orientierung und das Erreichen des Wahlalters sind nur einige Stichworte hierzu.» (https://www.dji.de/themen/jugend.html)
Allerdings lässt sich diese Definition nicht über Zeiten und Räume hinweg anwenden, denn immer entscheiden gesellschaftliche Bedingungen, Institutionen, Praktiken und Wertvorstellungen mit darüber, was man unter «Jungend» zu verstehen hat – und ob es überhaupt eine Phase gibt, die man mit «Jugend» bezeichnen könnte. Hier kann ich allerdings nur über historische Veränderungen Auskunft geben – kulturelle Variationen dessen, was man unter «Jugend» versteht und wie sie lebt, sind ein ganz anderes Thema.
„Jugend“ ist bereits im Altertum bei den Griechen und Römern ein Begriff. Eine klare Unterscheidung zu den Erwachsenen scheint schon vorhanden zu sein. Heutige Vorstellungen von Jugend können aber nicht auf die Vergangenheit bezogen werden. Der heutige, moderne Begriff von Jugend entstand allmählich im 17. und 18. Jahrhundert.
Bezeichnend ist in der Antike ein streng systematisch-mathematische Einteilung der Altersgruppen von Kindheit und Jugend (und Erwachsenenleben): infantia bis Ende 7 Jahre, pueritia bis 14, adolescentia bis 21, juventus bis 35 Jahre; dabei wurde v.a. die männliche Entwicklung nach gesellschaftlichen Rollen ausgerichtet, bei Frauen stand die körperliche Entwicklung (Geschlechtsreife) im Vordergrund.
Auch im Mittelalter existierten, trotz der im Vergleich zum Altertum recht verschiedenen kulturellen Voraussetzungen relativ genaue Vorstellungen von Jugend. Dabei dominierten zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen der Altersphasen und -gruppen:
1. Die gelehrte und klerikale Welt unterteilte wie zuvor die Römer in «infantia» bis 7 Jahre, «pueritia» bis 14, «adolescentia» bis 21/28, «juventus» bis 28/35, auch hier vor allem orientiert an einem männlichen Lebenslauf.
2. Vor allem in der schönen Literatur orientierte man sich eher an den Jahreszeiten: Frühling = Kindheit, Sommer = Jugend, Herbst = Reife, Winter = Alter
Dabei lassen sich deutliche Unterschiede zwischen Landbevölkerung und Eliten (Adel/Kleriker) konstatieren. In der breiten Bevölkerung wussten die meisten nicht genau, wie alt sie sind, da das Geburtsdatum nirgends notiert wurde. Hier wurde eher nach Rollen/gesellschaftlicher Position eingeteilt: Säuglinge, Kinder, heiratsfähige junge Männer und Mädchen, Neuvermählte, Väter und Mütter, Witwer und Witwe, Alte. Jede Rolle erfüllte ihre Aufgaben in der Gemeinschaft. Kinder/Jugendliche auf dem Land waren Analphabeten und sehr früh in die Arbeitswelt der Erwachsenen integriert. Bürgerkinder und Adelige kamen eher in den Genuss einer formalen Ausbildung, in städtischen oder auch in Klosterschulen. Hier lässt sich (etwa bei Studenten oder Lehrjungen) eher von Jugendgruppen mit eigenen Verhaltensweisen und Praktiken sprechen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen durften Studenten und Gesellen nicht heiraten, bis ihre materielle Lage eine Heirat ermöglichte – so lange galten sie auch als «Kinder» bzw.«Jugendliche» und Unmündige.
Je nach Region und Geschlecht variierte zudem das Mündigkeitsalter; Mädchen waren meist schon ab 12 Jahren «ehemündig», da geschlechtsreif, Jungen erst ab 15 oder mancherorts erst ab 21 Jahren. Als erwachsen galten auch sie erst, wenn sie nach Übernahme des väterlichen Hofs oder Einheirat einen eigenen Hausstand begründet hatten.
Auch in der frühen Neuzeit gab es keine eigene „Jugendzeit“, sondern eine Art Erwachsensein im Wartestand. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde „Jugend“ auch als Begriff für jene herangezogen, die für ihre Taten noch nicht voll verantwortlich gezeichnet werden konnten. Wo Kindheit endete und Jugend begann, war nicht genau festgelegt und vor allem von den jeweiligen sozialen Bedingungen abhängig – eben auch von der Möglichkeit von Ausbildung und Studium (bei den Jungen), Lehrzeit oder Dienstzeit im Haushalt oder auf dem Bauernhof (bei beiden Geschlechtern). Das Ende der Jugend wurde jeweils mit der Heirat und der Gründung eines eigenen, unabhängigen Haushaltes markieren. In Europa waren im 16. und 17. Jahrhundert die Hälfte bis 2/3 der Männer und rund die Hälfte der Frauen während dieses „Wartestandes“ bis weit über die Altersgrenze von 20 Lebensjahren ledig.
Auch das körperliche Wachstum spielte eine Rolle. Der Eintritt in die Pubertät verlief in der vorindustriellen Gesellschaft später als heute. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts traten körperliche Veränderungen, die heute 12- bis 13-Jährigen zuzuordnen sind, drei bis vier Jahre später auf. Die Angaben für das 19. Jahrhundert sind nicht klar definiert, es kann aber angenommen werden, dass der erste Eintritt der Regel für den Großteil der Mädchen in der Landbevölkerung bei etwa 16 Jahren lag, in Städten dagegen etwas niedriger.
In der frühen Neuzeit bedeutete Jugend oft Abschied vom Elternhaus und Eintritt in eine neue gesellschaftliche Bindung, vor allem in verschiedenen Jugendgruppen (Knabenschaften oder Burschenschaften). Es handelte sich um keine strengen Organisationen, trotzdem gab es Kontrollen des geselligen und sexuellen Lebens (Bräuche, Feste usw.). In Universitätsstädten gab es Landsmannschaften der Studenten (Aufnahmerituale usw.). Ende des 18. Jahrhunderts entstanden in Deutschland daraus neue studentische Verbindungen (oft Träger nationaler Bestrebungen).
Im 19. Jahrhundert verschlechterten sich als Folge des starken Bevölkerungswachstums die Chancen der Heranwachsenden auf dem Lande, einen Arbeitsplatz zu finden. Gleichzeitig entstanden durch die Industrialisierung in den Fabriken der Städte zahlreiche neue Arbeitsplätze. Viele junge Menschen wandern daraufhin in die Städte ab. Die Städte wuchsen dadurch rasch an, auch die Altersstruktur verändert sich: Die Bevölkerung der Städte wurde jünger, während die Landbevölkerung im Durchschnitt älter wurde. Mit dem Zuzug der Jugendlichen veränderten sich auch die Lebensformen in den Städten. Da privater Lebensraum knapp und teuer war, teilen sich manchmal bis zu drei Arbeiter_innen ein Bett; das Leben verlagerte sich zunehmend in den öffentlichen Raum. So entstanden in den Städten neue Formen der Alltags- und Freizeitkultur, während auf dem Land weiterhin traditionelle Werte galten. Langsam bildet sich so eine eigene „Jugendkultur“ heraus, mit eigener Lebensweise, eigener Kleidung, eigenen Ritualen und Werten, die auch erstmals Beachtung und Anerkennung in der Öffentlichkeit fand.
Drei allmählich entstehende, unterschiedliche Milieus der Heranwachsenden lassen sich in identifizieren: Landjugend, Arbeiterjugend und bürgerliche Jugend. Kinder und Heranwachsende auf dem Land wurden im Hinblick auf ihre Aufgaben auf dem Bauernhof erzogen, ihre Mitarbeit bei den täglich anfallenden Arbeiten war selbstverständlich. Die Phase des Heranwachsens dient der sozialen Integration in die bestehende Ordnung, die durch die Welt der Erwachsenen und die Dorfgemeinschaft vorbestimmt war. Die jungen Arbeiter_innen in den Städten hingegen waren zunehmend der direkten Kontrolle ihres früheren Umfeldes entzogen. Auch die dort geborenen Arbeiterkinder wuchsen ohne die früher selbstverständlich, festen sozialen Bindungen auf: Weil Vater und Mutter arbeiten mussten, waren sie bereits früh auf sich selbst gestellt und mussten ihren Teil zum Familienunterhalt beitragen. Die Erfahrungen der jungen Menschen aus dem Bürgertum waren wiederum gänzlich anders als die der Land- oder der Arbeiterjugend. Sie wuchsen behütet und streng getrennt von Jugendlichen aus den Unterschichten auf, hatten wenig Kontakt zur Arbeitswelt und waren stärker durch Schule, Ausbildung und ein privates Familienleben geprägt. Generell kam der Familie in bürgerlichen Haushalten eine neue Rolle zu: Nicht mehr die Arbeitskraft der Kinder stand nun im Vordergrund, wie dies noch in den Handwerkerhaushalten der Frühen Neuzeit der Fall war, sondern die Familie wurde zur Konsum-, Erziehungs- und Freizeitgemeinschaft.
Die Erwachsenen und die Obrigkeit setzten sich zumeist kritisch mit der neu entstehenden „Jugend“ auseinander. Sie beklagten vor allem den Verlust bestehender Normen, sowie die Verwilderung und Respektlosigkeit der „Jugend“: Der Ausdruck stammt ursprünglich aus der „Rettungshausbewegung“ und bezeichnete Ende des 19. Jahrhunderts „verwahrloste“, „kriminelle“ oder „gottlose“ Heranwachsende, die meist dem städtischen Arbeitermilieu entstammten. Immer stärker trat auch die Angst vor einer Radikalisierung der jungen Arbeiter zu Tage. Jugendliche wurden vor allem als soziales Problem, ihre Lebensweise als „Verwahrlosung“ als Folge von Industrialisierung und Modernisierung empfunden. Als Reaktion hierauf kam es seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Gründungswelle von Vereinen und Organisationen, die sich dieser Jugend annehmen sollten. Kirchen, Parteien und Verbände versuchten, vor allem die jugendlichen Arbeiter für sich zu gewinnen. Den stärksten Zulauf verzeichneten die Turn- und Sportvereine.
Im 20. Jahrhundert und insbesondere nach der Zeit des II. Weltkriegs änderte sich die Situation erneut ganz grundlegend insofern, als Jugend nun aus verschiedenen Gründen (Jugendbewegung, sexuelle Revolution, Jugendkult) zu einer zunehmend positiv verstandenen Lebensphase avancierte. Insbesondere alterspezifische kulturelle Aktivitäten, Ausdrucks- und Verhaltensformen wurden nun auch für Erwachsene interessant, spezifische «Jugendkulturen» konnten (etwa in der Musik oder der Kleidung) kommerzialisiert und ökonomisch genutzt werden. Auch in der Politik spielten und spielen sie weiterhin eine wichtige Rolle (Hippiekultur; 68er und Studentenbewegung; «Letze Generation», «Fridays for Future»).
Zum Weiterlesen:
Giovanni Levi , Jean Claude Schmitt (Hrsg.), Geschichte der Jugend. Band 1. Von der Antike bis zum Absolutismus. Frankfurt am Main 1996
Giovanni Levi, Jean-Claude Schmitt (Hrsg.), Geschichte der Jugend. Band 2. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 1997
Dieter Baacke, Jugend und Jugendkulturen: Darstellung und Deutung. Juventa-Verlag, Weinheim 1987
Jon Savage, Teenage: Die Erfindung der Jugend (1875–1945). Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2008