Liebe Forscher:in

Ist Gaming aus entwicklungspsychologicher Sicht empfehlenswert, sofern Dosierung, Einbettung und Begleitung gegeben sind? Und falls ja, ab welchem Alter? Nach meinen Recherchen denke ich, dass es eher „tolerierbar“ ist als „empfohlen“ (im Gegensatz etwa zu Lesen und Bewegung). Gleichzeitig weiss ich, dass vielfältige Erfahrungen für die Entwicklung wichtig sind. Auch bin ich überzeugt, dass Gaming nicht nur digitale Kompetenzen, sondern auch Problemlösen, Kreativität, Frusttoleranz etc. fördert.

Danke für Ihre Antwort!

Lieber Yanick

Danke für Deine Frage. Du hast recht, darauf gibt es keine einfache Entweder-oder-Antwort. Videospiele gehören heute einfach zum Alltag von Jugendlichen dazu. In der Schweiz spielen laut der JAMES-Studie von 2022 79 % der befragten Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren zumindest ab und zu Videospiele, Jungen (93 %) häufiger als Mädchen (65 %). Gaming kann Vorteile für die Entwicklung haben, aber auch Nachteile.

Vorteile

Denken: Sehr faszinierend finde ich, dass das Spielen von Action Games (zum Beispiel Egoshooter oder Autorennen) die Sehschärfe verbessern kann. Geschicklichkeitsspiele wie Tetris oder Portal können das räumliche Vorstellungsvermögen sowie wichtige Denkfähigkeiten wie flexibles Denken, Planen und Impulskontrolle fördern, die sogenannten Exekutiven Funktionen.

Kreativität: Gerade sogenannte Open-World-Spiele wie Minecraft trainieren planerisches Denken und logische Problemlösung. Minecraft ist auch in anderen Bereichen nützlich. So fördert es das sogenannte divergente Denken. Damit ist so etwas wie ein "Out-of-the-Box-Denken" gemeint, bei dem man zu einer Problemstellung nicht nur eine, sondern möglichst viele verschiedene Lösungen findet.

Soziale Kompetenzen: Spiele, in denen Du mit anderen zusammenspielst (z. B. Fortnite, Among Us), stärken soziale Kompetenzen wie Kooperation, Kommunikation sowie die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen, insbesondere wenn sie kooperativ (miteinander) statt kompetitiv (gegeneinander) gespielt werden.

Frustrationstoleranz: Gaming kann Deine Frustrationstoleranz stärken. Beim Spielen musst Du immer wieder auch Rückschläge einstecken. Es zeigt sich, dass Kinder, die regelmässig herausfordernde Spiele spielen, besser mit Misserfolgen umgehen können.

Aber, und das ist wichtig: Die Frustrationstoleranz ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Gaming nicht nur positive Effekte haben kann und es kein einfaches «Entweder-Oder» gibt. Die Ergebnisse der Forschung sind gerade hinsichtlich der Frustrationstoleranz nämlich gemischt. Spiele bieten einerseits Gelegenheiten zum Training der Frustrationstoleranz. Andererseits kann exzessives Gaming jedoch genau den gegenteiligen Effekt haben. Deswegen gehe ich jetzt auch kurz auf die möglichen Nachteile ein.

Nachteile

Suchtgefahr: Vielleicht kennst Du das: Du wolltest nur «noch eine Runde» spielen, und plötzlich sind drei Stunden vorbei. Bei manchen Jugendlichen wird daraus ein echtes Problem. Die WHO hat 2018 «Gaming Disorder» als offizielle Diagnose anerkannt, die mit Schlafstörungen, sozialer Isolation und Depression in Zusammenhang steht. Damit ist Computerspielsucht auf einer Stufe mit anderen Süchten.

Dazu ist Folgendes wichtig zu wissen: Computerspielsucht wird nach klaren klinischen Kriterien diagnostiziert: Kontrollverlust über das Spielen, Gaming wird wichtiger als alles andere, man spielt weiter trotz negativer Folgen (z.B. schlechte Noten, Streit mit Eltern/Freunden) – und das über mindestens 12 Monate.

Schlaf: Gerade wenn man abends noch intensiv spielt, kann der Schlaf gestört werden. Im Gegensatz zum Fernsehen ist Gaming interaktiv und oft kompetitiv. Dies führt zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und das Gehirn läuft auf Hochtouren. Intensives Gaming kann dazu führen, dass Du länger zum Einschlafen brauchst.

Zeitfresser-Problem: Exzessives Spielen kann auch zu sogenannten Verdrängungseffekten führen: Wenn Du zu viel spielst, hast Du automatisch weniger Zeit für andere Aktivitäten (Bewegung, soziale Interaktion, Lesen).

Psychische Gesundheit: Kann sich Gaming auf das Wohlbefinden auswirken? Auch dabei kommt es auf die Dosis an. Moderates Gaming zeigt in der Regel keine starken negativen Effekte auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Problematisches oder exzessives Gaming steht jedoch mit höheren Depressions- und Angstwerten in Zusammenhang. Das geht in beide Richtungen: Gaming kann zu Depression führen, aber depressive Jugendliche spielen auch häufiger exzessiv

Eltern können helfen

Eltern sind für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ein sehr wichtiger Faktor, gerade wenn sie eine unterstützende, vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern haben und die richtige Balance zwischen Struktur und Autonomie finden. Elterliche Begleitung, zum Beispiel durch Co-Gaming oder nicht wertende Gespräche über Spielinhalte, also ohne gleich zu urteilen oder zu verbieten, kann positive Effekte verstärken und negative Effekte reduzieren.

Fazit

Ist also dosiertes Gaming aus entwicklungspsychologischer Sicht empfehlenswert? Ein bis zwei Stunden Gaming pro Tag sind völlig okay – solange andere wichtige Dinge (Schlaf, Bewegung, Freunde treffen, Schule) nicht zu kurz kommen. Computerspiele können wichtige Kompetenzen trainieren. Wichtig ist, dass die Spiele zu Deinem Alter passen – achte auf die PEGI-Altersfreigaben und überleg Dir, ob extreme Gewalt oder Horror wirklich das ist, was Du sehen willst, und dass Du über das Spielen auch mit Deinen Eltern sprechen kannst und darfst. Die Antwort auf Deine Frage ist also ein klares «Ja» mit einem ebenso klaren «Aber».

Gaming kann, wie so vieles, nicht isoliert betrachtet werden. Wer heimlich und allein spielt, macht andere Erfahrungen als jemand, der gemeinsam mit anderen spielt. Wie Du spielst, ist wichtiger als das, was Du spielst. Dazu kommt, dass sich die Dynamik mit dem Alter verändert. Die genannten Angaben und Informationen beziehen sich eher auf Jugendliche. Für jüngere Kinder ist es sinnvoll, sowohl die Zeit als auch den Inhalt altersgerecht anzupassen.