Mir fehlt nach wie vor verlässliche Orientierung zu den aktuellen Entwicklungen im Iran – nicht nur aufgrund von Internetsperren, sondern grundsätzlicher: Trotz zunehmender medialer Aufmerksamkeit bleiben viele Dynamiken schwer einzuordnen.
Welche zentralen Konfliktlinien prägen die gegenwärtigen Proteste im Iran?
In westlichen Demokratien werden gesellschaftliche Auseinandersetzungen häufig entlang bestimmter Pole beschrieben, etwa Stadt vs. Land, konservativ vs. progressiv oder sozial abgesichert vs. prekär. Welche vergleichbaren oder anderen Linien strukturieren die Proteste im Iran? Lassen sie sich etwa entlang von Gegensätzen wie Theokratie und Säkularität, Generationenkonflikten, sozialen Ungleichheiten, Bildungsunterschieden oder Spannungen zwischen Tradition und Zukunft beschreiben – oder greifen solche Kategorien zu kurz?
Und ja, welche Rolle spielen in dieser Gemengelage die Frauen? Im Moment werden sehr viele Frauen über Social Media gezeigt. Sie wirken wie Trägerinnen, aber auch wie Symbole oder Ikonen des Protestes: schöne und mutige Jeanne D'Arcs mit Zigarette, aber eben auch Teil von Social Media und womöglich auch als Botschafterinnen in Richtung einer z.B. Europäischen Öffentlichkeit.
Liebe Corinna
Gerne teile ich mit Dir die Einschätzungen, die ich aus meiner eigenen Erfahrung als Frau gewonnen habe, die viele Jahre im Iran gelebt, studiert und gearbeitet hat.
Meiner Meinung nach ist das Bild, das hierzulande in den Medien vermittelt wird, sehr einseitig. Was derzeit im Iran geschieht, ist eine komplexe Mischung aus verschiedenen Faktoren. Der ursprüngliche Auslöser der Proteste war die wirtschaftliche Lage im Land – insbesondere der massive Wertverlust der staatlichen Währung. In einem zweiten Schritt wurden die Proteste jedoch politisiert, unter anderem durch Slogans gegen das Regime.
Es gibt eine tiefe Kluft zwischen den Herrschenden und der Bevölkerung. Viele der Ideale, für die 1979 grosse Teile der Bevölkerung gekämpft und für die sie den Schah gestürzt hatten, werden heute von der Mehrheit nicht mehr geteilt. Ein zentraler Grund dafür ist die Doppelmoral und Heuchelei der Regierenden: Sie propagieren revolutionäre und religiöse Ideale und fordern von der Bevölkerung ein einfaches, frommes Leben, während sie selbst und ihre Kinder in Wohlstand leben – teilweise im Westen.
Hinzu kommen massive Repressionen und Unterdrückung, insbesondere gegenüber Frauen. Die iranische Gesellschaft war und ist zutiefst patriarchalisch. Die Legitimation zur Unterdrückung von Frauen hat sich das Regime lange Zeit aus der Gesellschaft selbst geholt. Doch die Gesellschaft hat sich im Laufe der Zeit verändert, vor allem die jüngeren Generationen. Die Machthaber hingegen, grösstenteils ältere Männer, können oder wollen diese Veränderung nicht wahrnehmen.
Nach den Protesten von 2022, der sogenannten „Frauen, Leben, Freiheit“-Bewegung, wurde die Zwangsverschleierung in der Praxis teilweise lockerer gehandhabt. Diese Veränderungen waren jedoch weder grundlegend noch nachhaltig.
Zusammengefasst liegt das zentrale Problem im Iran einerseits in der Kluft zwischen den Werten des Staates und denen der Mehrheit der Bevölkerung, andererseits in der Doppelmoral des Staates, gepaart mit Missmanagement und Korruption. Am gravierendsten ist jedoch die wirtschaftliche Lage. Daran tragen auch die westlichen Sanktionen eine erhebliche Mitschuld.
Für Reformen in Richtung Demokratie braucht es eine stabile Mittelschicht und eine aktive intellektuelle Öffentlichkeit. Durch Sanktionen und Korruption ist diese Mittelschicht im Iran jedoch weitgehend verschwunden. Zu glauben, dass Sanktionen Druck auf den Staat ausüben, ist naiv. Tatsächlich profitiert der Staat davon: Wenn Intellektuelle und Eliten ums wirtschaftliche Überleben kämpfen müssen, anstatt sich für zivile Strukturen einzusetzen, entspricht das genau den Interessen eines autoritären Systems.
"Auch Afghanistan wurde einst unter dem Vorwand der Frauenbefreiung angegriffen. Und wie ist heute die Lage der afghanischen Frauen?"
Nun behauptet der US-Präsident, die Iraner „retten“ zu wollen – durch einen Angriff auf den Iran, den Sturz der Mullahs und die Machtübernahme des Sohnes des letzten Schahs. Wir haben jedoch sehr gut gesehen, wie „Rettungen“ durch die USA im Irak, in Syrien, Libyen oder Afghanistan ausgesehen haben: Zerstörung, Chaos, Millionen Tote (vgl. Costs of War) und das Erstarken von Gruppen wie ISIS oder den Taliban. Auch Afghanistan wurde einst unter dem Vorwand der Frauenbefreiung angegriffen. Und wie ist heute die Lage der afghanischen Frauen?
Das Bild von Frauen als Heldinnen einer Bewegung, ist ein altes Motiv der Kriegslegitimationspropaganda. Natürlich gehen Frauen gemeinsam mit Männern auf die Strasse – aber diese Instrumentalisierung ist falsch. Hinzu kommt, dass das vielfach verbreitete Bild einer Frau, die mit einer Zigarette ein Porträt des iranischen Supreme Leaders verbrennt, nicht im Iran aufgenommen wurde (vgl. den Beitrag der Deutschen Welle).
Die Menschen im Iran wollen Demokratie und Freiheit, keinen Krieg, keine „Rettung“ von außen und keine Rückkehr zur Monarchie. Ausländische Interventionen – sei es in Form von Sanktionen, militärischen Angriffen oder Krieg – helfen der Bevölkerung nicht. Sie führen zu mehr Chaos und zum Tod unschuldiger Menschen.
Gerne teile ich hier auch einen Beitrag von Expert:innen, die für das Quincy Institute for Responsible Statecraft die Lage sehr differenziert analysieren:
Unter anderem wird dort erläutert, wie CIA und Mossad bewaffnete Akteure unter die Protestierenden eingeschleust haben – etwas, das von israelischer und amerikanischer Seite selbst eingeräumt wurde. Auf diese Weise werden legitime Proteste erneut von aussen instrumentalisiert, was zu weiterer Gewalt und zum Tod Unschuldiger führt.
Die Lage ist tragisch. Wir sind gefangen zwischen Pest und Cholera, und es scheint keinen einfachen Ausweg aus diesem Dilemma zu geben.
Ich hoffe, diese Informationen helfen Dir, die Situation besser einzuordnen. Für weitere Fragen stehe ich Dir sehr gerne zur Verfügung.
Herzliche Grüsse
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