Wie kann ich Kindergartenkinder darin unterstützen, Konflikte friedlich zu lösen und kooperativ zu spielen?

2
0
0

Guten Abend

Eben habe ich von Eurem Angebot erfahren und freue mich sehr, Euch meine Frage zu stellen.

Seit Sommer arbeite ich in einem neu eröffneten Kindergarten mit 14 erstjährigen Kindergartenkindern. Es sind 8 Jungs und 6 Mädchen. 8 davon sprechen kaum oder gar kein Deutsch und alle werden im Lauf dieses Schuljahres 5 Jahre alt. Es sind sehr aktive und begeisterungsfähige Kinder. Sie lieben das Spielen. Bei den Jungs sind das Funktionsspiel und die Bauecke mit allerlei Baumaterial wichtig.

Allerdings haben die Jungs in letzter Zeit vermehrt zu kämpfen begonnen, oft heftig. Sie kratzen und beissen, sind laut, grenzen und lachen einander aus, stören einander…

Bisher habe ich mit Reden reagiert, habe die Streithähne auseinander genommen, ermahnt. Den Fremdsprachigen erkläre ich mit Händen und Füssen und Rollenspiel, dass wir so nicht miteinander umgehen können. Vermehrt möchte ich Kooperationsspiele einsetzen. Wir lernen, Gefühle wahrzunehmen…

Meine Frage ist: Wie kann ich das Problem angehen, damit diese Streitigkeiten aufhören und wir ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln? Wie schaffe ich ein Klima, in dem sie sich nicht gegenseitig herabwürdigen? Wie kann ich ihnen helfen, nicht nur auf sich zu schauen, sondern zu merken, dass es da ein liebevolles Gegenüber gibt?

In dieser Woche habe ich ein Elterngespräch mit Schweizer Eltern, die mit ihrem Jungen Mühe haben, weil er Andere ausschliesst und sich sozial negativ entwickelt, obwohl er ein sehr tolles Umfeld hat und viel positive Zuwendung erhält.

Danke herzlich, dass ich mit diesen Problemen zu Euch kommen kann. Ich bin gespannt auf Eure Antworten und Ideen. Herzliche Grüsse, Gaby Luck

Liebe Gaby

Herzlichen Dank für deine ausführliche Schilderung und dein Vertrauen. Deine Frage ist sehr wichtig – gerade in einer so vielfältigen und lebendigen Kindergartengruppe. Es ist eine große Aufgabe, die Kinder dabei zu unterstützen, friedlich miteinander umzugehen und ein echtes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Gerne teile ich meine heilpädagogische und entwicklungspsychologische Perspektive mit dir.

Was Kinder in diesem Alter brauchen

Kinder im Vorschulalter sind noch stark mit sich selbst beschäftigt. Sie lernen gerade erst, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und zu regulieren – und erst recht, die Gefühle anderer wahrzunehmen. Viele Konflikte entstehen, weil Kinder ihre Bedürfnisse noch nicht anders ausdrücken können oder weil ihnen die Sprache fehlt, um sich zu verständigen. Das gilt besonders, wenn viele Kinder wenig Deutsch sprechen.

Konflikte sind in dieser Entwicklungsphase völlig normal. Sie bieten sogar Chancen, soziale Kompetenzen zu üben – vorausgesetzt, die Kinder werden dabei begleitet und unterstützt.

Was du konkret tun kannst

Du bist schon auf einem sehr guten Weg, indem du Gefühle thematisierst, Rollenspiele anbietest und mit Händen und Füßen erklärst. Hier noch einige ergänzende Anregungen aus der heilpädagogischen Praxis:

  • Nimm das Thema Emotionen im Kindergarten für alle auf. Von der Entwicklung her gesehen kommt zuerst das Erkennen und Benennen der Gefühle bei sich (beginnend mit den Basisemotionen wie Glück, Angst, Wut, Trauer), dann das Erkennen und Benennen der Gefühle bei anderen, bevor es um die emotional-sozialen Handlungsfähigkeiten (Regulation, Konfliktlösung) geht. Hier können einfache Bilderbücher hilfreich sein, z.B. "Heute bin ich" oder "ich bin jetzt". Diese sehen sehr einfach aus, doch es lohnt sich, entsprechend der Meilensteine, ganz vorne anzufangen und zu schauen, wo die Kompetenzen der Kinder liegen.
  • Gefühle sichtbar machen: Nutze Bildkarten mit Gesichtern, Emojis, Piktos, um Gefühle zu benennen. Lass die Kinder zeigen, wie sie sich fühlen. Das hilft auch den Kindern mit wenig Deutsch. Bei active Communication gibt es auch praktische Bälle mit Gesichtern darauf.
  • Das Nutzen von einfachen Gesten oder Gebärden (s. auch tanne.ch, Porta-Gebärden) kann sehr unterstützend sein
  • Ausserdem gibt es konkrete Programme, welche auf den Kindergarten zugeschnitten sind:
  1. Faustlos für den Kindergarten“ (Cierpka & Schick 2014)
  2. „Verhaltenstraining für Kindergartenkinder“ (Koglin & Petermann 2013
  3. „Lubo aus dem All“ – Vorschulalter (Hillenbrand et al. 2016)
  4. „Emotionale Kompetenzen im Vorschulalter fördern“ (Petermann & Guest 2016)
  5. Prävention und Resilienzförderung in Kindertageseinrichtungen – PRiK (Fröhlich-Gildhoff, Dörner & Rönnau 2007)
  • Klare, einfache Regeln und Abläufe gemeinsam erarbeiten: Visualisiere diese Regeln mit Bildern, Piktos oder Symbolen. Zum Beispiel: „Wir tun einander nicht weh“, „Wir hören einander zu“, „Wir helfen uns“. Hänge die Regeln gut sichtbar auf. Auch bedenken: was machen wir wenn?
  • Konfliktlösung üben: Führe kleine Rituale ein, wie einen „Friedensstuhl“ oder eine „Streitschlichter-Ecke“. Dort können Kinder (mit deiner Unterstützung) sagen, was passiert ist und wie sie sich fühlen. Du kannst einfache Sätze vorgeben: „Ich bin traurig, weil…“, „Ich möchte, dass…“. Aber auch Möglichkeiten der Selbstregulation: z.B. eine Rückzugsecke, eine "Box-Ecke", mögliche Time-out-Zeichen "ich brauche jetzt eine Pause, es wird mir zuviel"
  • Kooperationsspiele regelmäßig anbieten: Spiele, bei denen alle gewinnen können und Zusammenarbeit gefragt ist, stärken das Wir-Gefühl. Beispiele: Ein Schwungtuch-Spiel, gemeinsam einen Turm bauen, ein großes Bild malen.
  • Ressourcen stärken: Betone, was gut läuft. Lobe gezielt, wenn Kinder freundlich sind, teilen oder helfen. Das verstärkt positives Verhalten.
  • Eltern einbeziehen: Im Gespräch mit Eltern kannst du erklären, dass soziales Verhalten Zeit braucht und dass auch Zuhause das Benennen von Gefühlen und das Üben von „Wie kann ich helfen?“ hilfreich ist.

Was du im Blick behalten kannst

  • Bleib geduldig: Soziale Kompetenzen entwickeln sich langsam, besonders in einer sprachlich und kulturell vielfältigen Gruppe.
  • Auch austoben sollte mal möglich sein, s. "Toben, Raufen, Kräfte messen"
  • Sei ein Modell: Kinder lernen viel durch Nachahmung. Zeige selbst, wie man Konflikte ruhig anspricht und löst.
  • Hole dir Unterstützung, wenn dich die Situation belastet – etwa durch kollegialen Austausch, Supervision oder Beratung.

Zum Schluss

Du bist mit deinem Engagement und deiner Haltung schon auf einem sehr guten Weg. Es ist normal, dass diese Prozesse Zeit brauchen und nicht immer reibungslos verlaufen. Mit klaren Strukturen, viel Geduld und liebevoller Begleitung werden die Kinder nach und nach lernen, besser miteinander umzugehen.

Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Kraft für diese wichtige Arbeit!

Herzliche Grüße Christina Koch

Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben und mir so ausführlich geantwortet haben! Ich bestelle gleich das eine Buch „Heute bin ich“ und werde das ganze mit viel Geduld angehen😉. Herzliche Grüsse, Gaby Luck

bouquets/bouquet1.webp

Wunderbar! Ihre Antwort hat mir weitergeholfen. Vielen Dank für Ihre Arbeit!

Redaktion

Brunnmattstrasse 3
CH-4053 Basel
+41 78 847 76 51
[email protected]


Sozial

LinkedIn

Ansprechpersonen


Medien

Tages Anzeiger, Blick

Partnerschaften

Schweizerischer Nationalfonds

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Gebert Rüf Stiftung

Beisheim Stiftung

Ernst Göhner Stiftung

Mehr Wissen für mehr Menschen.

© savoir public 2024