Wie verändert sich durch die zunehmend strenge Leistungsgesellschaft die Entwicklungszeit von Kindern? Verkürzt sie sich durch die frühzeitige Erwartung an Jugendliche, sich erwachsen zu verhalten, und inwiefern beeinflusst sie das positiv oder negativ?
Die Frage, ob sich die Entwicklungszeit von Kindern durch die Leistungsgesellschaft „verkürzt“, lässt sich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Soziale Bedingungen haben grundsätzlich einen Einfluss auf das Aufwachsen und das Wohlbefinden von Kindern. In diesem Sinne lässt sich auch nicht von dem Kind sprechen, sondern die sozialen Bedingungen unter denen Kinder aufwachsen, können sehr unterschiedlich sein. Man geht aber davon aus, dass die biologische Entwicklungszeit relativ konstant bleibt.
Das heisst, die Leistungsgesellschaft verändert die Entwicklungszeit von Kindern weniger in dem Sinne, dass Kinder biologisch schneller oder langsamer wachsen. Sie beeinflusst jedoch, wie Kindheit erlebt wird und welche Erwartungen bereits in jungen Jahren an Kinder gestellt werden.
Aus entwicklungspsychologischer und soziologischer Sicht gibt es Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche heute früher mit Anforderungen konfrontiert werden, die traditionell eher dem Erwachsenenalter zugeschrieben wurden und Kinder stärker in Institutionen (Kita, Schule, ausserschulische Betreuungsangebote) eingebunden aufwachsen. Werden Kinder früh mit Leistungsanforderungen und Zukunftserwartungen konfrontiert, beeinflusst dies ihr soziales Leben: Der Alltag ist unter Umständen stärker organisiert, verplant, es gibt eventuell weniger Zeit zum freien Spiel oder für die Interaktion mit Freunden.
Ihr Verhalten wird stärker an Leistung gemessen und bewertet, was sowohl zu Chancen wie auch Herausforderungen in der Entwicklung führen kann. Die zunehmende Orientierung an Leistung und Erfolg kann dazu führen, dass Kinder und Jugendliche früher Verantwortung übernehmen und sich stärker an Erwartungen der Erwachsenenwelt anpassen müssen. Das heisst, die Lebenswelt des Kindes ändert sich: Freies Spielen und zweckfreie Freizeit werden teilweise durch organisierte und leistungsbezogene Aktivitäten ersetzt.
Wenn Leistungsanforderungen altersgerecht sind und Kinder ausreichend Unterstützung erhalten, können sie die persönliche Entwicklung fördern. Die Entwicklung hin zu höheren Erwartungen hat in diesem Sinne nicht nur Nachteile. Kinder erwerben oft früh wichtige Kompetenzen und Fähigkeiten. Sie lernen zum Beispiel, Verantwortung zu übernehmen und Ziele zu verfolgen und es können sich darin Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Ein gewisses Mass an Herausforderung kann Selbstwirksamkeit, Durchhaltevermögen und Lernmotivation stärken.
Problematisch wird es, wenn die Erwartungen die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes übersteigen. Mögliche Folgen sind dabei, erhöhter Stress und Leistungsdruck, Angst vor Misserfolg, sinkendes Selbstwertgefühl bei ausbleibendem Erfolg, psychische Belastungen wie Erschöpfung oder Überforderung, weniger Zeit für freies Spielen, Kreativität und soziale Erfahrungen. Studien zeigen, dass schulischer Leistungsdruck mit erhöhtem Stresserleben und Ängsten zusammenhängt (JF_Juvenir_Studie_4.0_lang_06.indd). Gerade wenn Kinder das Gefühl haben, die Erwartungen nicht erfüllen zu können, kann dies ihr Wohlbefinden beeinträchtigen.
Zusammenfassend kann man also sicherlich sagen, dass die Leistungsgesellschaft die soziale Bedeutung von Kindheit verändert. Kinder werden teilweise früher mit Erwartungen konfrontiert, die selbstständiges, verantwortungsvolles und leistungsorientiertes Verhalten verlangen. Dies kann einerseits Kompetenzen fördern und die Vorbereitung auf das Erwachsenenleben unterstützen. Andererseits besteht die Gefahr, dass wichtige Entwicklungsräume wie freies Spiel, Entspannung und das schrittweise Heranwachsen eingeschränkt werden und Stressbelastungen zunehmen.