Wie sieht eine gute Landwirtschaft im Süden Frankreichs aus, wenn das Klima wärmer wird?

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«Un jour, le feu ira de Carcassonne à la mer.»

Philippe Menziols, directeur du Syndicat des vignerons dans l’Aude

Wie sieht eine gute Landwirtschaft im Süden Frankreichs aus, wenn das Klima wärmer wird?

Eine Landwirtschaft, die

• langfristig orientiert ist

• Ressourcen und Umwelt schützt

• sparsam mit Wasser umgeht

• biologische Vielfalt sichert

• vor Waldbränden schützt

• Menschen ein Auskommen und sinnstiftende Arbeit ermöglicht

• ländliche (sogenannt strukturschwache) Regionen wieder attraktiv macht zum Leben, auch für junge Menschen

Wie die Frage entstand: Wir haben ein Haus in Südfrankreich. Es liegt am Rand eines kleinen Dorfes. Hinter dem Haus beginnt die Garrigue, die Heidelandschaft des Südens. Der grosse Waldbrand von Anfang August in den Corbières ist nur 40 Kilometer Luftlinie entfernt. Das könnte auch hier bei uns passieren. Klima, Landschaft und Wetterbedingungen sind ähnlich wie in den Corbières. Häufig bläst ein starker Wind.

Das Dorf ist umgeben von Weinfeldern. Viele Reben werden jetzt ausgerissen, 60 Hektaren sind es allein 2025. Frankreich produziert zu viel Wein. Die Menschen trinken weniger Wein. Der Staat bezahlt Winzer*innen, die Reben endgültig ausreissen, sie erhalten dafür Prämien: 4000 Euro pro Hektare. Doch Weinfelder sind ein natürlicher Schutz vor Waldbränden. Sie verlangsamen das Ausbreiten der Flammen. Die Aude ist das Département, in dem am meisten Reben ausgerissen wurden. Es ist die Rede von 5000 Hektaren. Die Landschaft Südfrankreichs ist geprägt vom Weinbau.

In den letzten Jahren wurden vermehrt Olivenbäume gepflanzt. Sie sollen den unsicheren Ertrag aus der Weinernte ausgleichen. Denn die Trockenheit setzt auch den Reben zu. Das Klima wird sich weiter erwärmen. Die Trockenheit steigt, weil viel weniger Regen fällt. Manchmal bleibt der Regen mehrere Jahre hintereinander aus. Heisse Sommer mit Hitzewellen werden zunehmen. Der Wind lässt sich nicht aufhalten.

Was passiert mit den ehemaligen Weinfeldern? Verbuschen sie? Wer die Ausreissprämie erhält, ist verpflichtet, das Gras zu mähen. Wer kontrolliert das? Ist Brachland schlecht? Sind Rebsorten, die besser an Hitze und Trockenheit angepasst sind, Teil einer Lösung? Welche Kulturpflanzen könnten Reben ersetzen? Was könnten andere Produktionsweisen wie Permakultur, Agroforst, Waldgärten bringen?

Guten Tag Frau Rigendinger

Vielen Dank für Ihre gute Frage! Ich bin kein Spezialist für Südfrankreich und überhaupt weiss ich als Agrarsoziologe mehr darüber, was Menschen für gute Landwirtschaft halten, als darüber, was gute Landwirtschaft ist.

Doch Ihre Frage ist toll und ich werde gerne einen Beantwortungsversuch aus meiner Perspektive wagen. Allerdings nur im Allgemeinen. Für eine auf Südfrankreich angepasste Antwort sollten Sie unbedingt noch eine:n Spezialist:in für Südfranzösische Landwirtschaft hinzuziehen.

Neben der Hauptfrage stellen Sie viele Detailfragen. Ich werde hier zuerst auf die Hauptfrage eingehen. Sie muss ganz anders beantwortet werden als die Detailfragen. Zu diesen gebe ich Ihnen am Ende eine Einschätzung.

Industrielle versus kleinräumige Landwirtschaft

Hätten wir auf Ihre Frage nur eine gute Antwort!

Aktuell empfinden wir tendenziell, dass industrielle, von Monokulturen geprägte Landwirtschaft hässlich aussieht. Kleinräumige, vielfältige Landwirtschaft halten wir demgegenüber für nachhaltig und schön. Zu Recht, meinen viele. Schliesslich werden in kleinräumiger Landwirtschaft weniger Pestizide eingesetzt, die Hecken an den Ränden ihrer Äcker brechen Winde und verhindern den Nährstoffabfluss. Keylines halten das Regenwasser zurück, wenn es zu viel regnet, und machen es in Trockenzeiten verfügbar. Tiere grasen auf den Weiden, anstatt im Stall gemästet zu werden. Bauern, Bäuerinnen und LandarbeiterInnen gehen einer erfüllenden, selbstbestimmten Tätigkeit nach.

Hoher versus geringer Flächenertrag

Gegen dieses Idyll spricht allerding sein Flächenverbrauch. Zumindest wenn Arbeitskräfte mit Know-How eine limitierte Ressource sind, ist der Flächenertrag konventioneller industrieller Landwirtschaft höher als der Flächenertrag kleinräumiger bäuerlicher Landwirtschaft. Bei wachsender Bevölkerung und steigendender Nachfrage nach Agrargütern braucht die kleinräumige Landwirtschaft mehr Fläche als die industrielle. Die Frage ist, ob wir auch dann auf kleinräumige Landwirtschaft setzen, wenn wir dafür weitere Ökosysteme opfern müssen.

Allerdings gibt es am Flächenargument einiges auszusetzen. Beispielsweise wenn man es ins Verhältnis setzt zum flächenzehrenden Fleischkonsum, den die industrielle Landwirtschaft durch Werbe- und Lobbymassnahmen hochtreibt, um sich anschliessend für dessen Befriedigung auf die Schulter zu klopfen.

Kosten für Menschen mit geringem Einkommen

Trotzdem ist das Argument nicht ganz von der Hand zu weisen, insbesondere wenn man bedenkt, dass Menschen mit geringen Einkommen in der Regel einen relativ geringen ökologischen Fussabdruck haben. Trotz ihres geringen Fussabdrucks müssten sie in einer Welt verordneter kleinräumiger Landwirtschaft einen verhältnismässig hohen Anteil der mit ihr einhergehenden Teuerung tragen.

Fortschritte in beiden Landwirtschaften

Die Diskussionsbedarf ist aktuell höher denn je, zumal die einander gegenüberstehenden Lager einander immer schlechter zu verstehen scheinen. Das ist insofern schade, als die Weiterentwicklung beider Seiten kein Widerspruch ist. Warum sollten nicht sowohl die industrielle als auch die kleinräumige bäuerliche Landwirtschaft ihre Leistung verbessern?

Die Argumente für die industrielle Landwirtschaft können nur aufrechterhalten werden, wenn diese die Auswaschung der in ihr verwendeten Pflanzenschutzmittel, Antibiotika und Dünger vermindern kann. Neben guter industrieller Landwirtschaft dürfen Ökosysteme nicht nach eingetragenen Mitteln aussehen.

In der kleinräumigen Landwirtschaft zeigen Agroforestry-Enthusiasten, dass sich in Esswäldern erstaunlich hohe Ernten erzielen lassen (auch wenn ein Acker Weizen bislang immer noch mehr Flächenertrag hergibt). Doch kleinräumige Landwirtschaft sollte nicht immer wie ein Wald aussehen, sondern womöglich nur zu Teilen. Stellt die kleinräumige Landwirtschaft aber auf zu extensive Bewirtschaftung um, verliert sich ihr Reiz im zu geringen Flächenertrag.

Infrastrukturen

Sowohl industrielle als auch kleinräumige Landwirtschaft müssen sich verändernden Bedingungen anpassen. Einfach den Status quo zu erhalten, ist angesichts der Veränderungen von Klima und im Konsumverhalten keine Option. Doch für Veränderung müssen auch Sorten, Betriebsmittel, Know-How und Vertriebszweige zur Verfügung stehen. Es können nicht alle landwirtschaftlichen Probleme in der Landwirtschaft gelöst werden. Eine nachhaltige Landwirtschaft muss die Spuren einer Infrastruktur tragen, die die Weiterentwicklung verschiedener Landwirtschaftspraktiken und ihre Anpassung erlaubt.

Sortenzucht

Wie nachhaltig die Landwirtschaft einer Region sich gestaltet, hängt meines Erachtens stark am Fortschritt, den Sortenzuchtinstitutionen erzielen. Die Rückkreuzung ertragsreicher Sorten mit alten widerstandsfähigen Sorten ist eine der grossen Erfolgsgeschichten der Agrikultur. Pestizide, Gentechnik Permakulturgärten und Agroforests sehen meiner Einschätzung nach der Sortenzucht gegenüber alt aus.

Das war meine allgemeine Antwort zum Aussehen guter Landwirtschaft.

Jetzt noch ein paar Antworten zu Ihren Detailfragen:

    • Verbuschen ehemalige Weinfelder?

Wenn sie nicht mehr bewirtschaftet werden und keine Tiere für die Entstehung einer savannenähnlichen Weidelandschaft sorgen: Ja. Die Weinfelder werden zuerst verbuschen, dann verwalden, wenn kein Feuer die Fläche wieder freilegt.

    • Wer kontrolliert die Offenhaltung von Flächen?

In den Alpen wird die Offenhaltung von Flächen mit Satelitenaufnahmen kontrolliert. Das funktioniert prinzipiell. Die Aufnahmen können oder konnten allerdings auch durch kurzfristige Rodung von Büschen getäuscht werden.

    • Ist Brachland schlecht?

Nicht unbedingt. Brachland wird mit der Zeit von selbst wieder zu einem naturähnlichen Ökosystem. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. Allerdings ist die Rückführung von länger brach gelegenem Land in Agrarland sehr aufwendig.

    • Sind Rebsorten, die besser an Hitze und Trockenheit angepasst sind, Teil der Lösung?

Prinzipiell Ja! Allerdings gelingt die Steigerung von Trockenresistenz in Zucht und in gentechnische Verfahren wahrscheinlich nicht ohne Ertragseinbussen. Wir haben Pflanzen die Last genommen, sich gegen Hitze und Dürre zu wappnen. Gleichzeitig haben wir die so freiwerdenden Ressourcen von Pflanzen in ihre Früchte hineingezüchtet. Es wird uns wahrscheinlich in naher Zukunft nicht gelingen, die in tausenden Evolutionsjahren entwickelten Dürreresistenzen der Pflanzenwelt so neu zu erfinden, dass Ertragsmaximierung und Hitzeresistenz einander nicht mehr ausschliessen.

    • Welche Kulturpflanzen können Reben ersetzen?

Prinzipiell ist hier vieles denkbar. Allerdings ist die Veränderung von Infrastruktur auf Höfen teuer und zeitaufwendig. Durch welche Kulturen können Reben mit den auf Höfen gegebenen Maschinenparks, dem Know-How, gegebenen Terrassierungen oder Ackergrössen ersetzt werden? Hier traue ich mir keine Antwort zu.

    • Wie sieht eine Landwirtschaft aus, die ländliche strukturschwache Regionen wieder attraktiv macht?

Das ist eine weitere grosse Frage, auf die wir bisher keine gute Antwort in der Forschung haben. Wir wissen, dass Programme, die dieses Ziel verfolgt haben, insbesondere die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union, bisher weitgehend gescheitert sind.

Wahrscheinlich hat das zwei Gründe: Zum einen geht wohl ein zu grosser Anteil von Fördergeldern in Regionen mit grossen, strukturstarken Höfen. Zum anderen wird vermutet, dass Landwirtschaft nicht der ausschlaggebende Faktor für die strukturelle Stärke oder Schwäche einer Region ist. Um die Landwirtschaft in einer Region zu sichern, muss entsprechend (auch) die ausserlandwirtschaftliche Struktur der Region gestärkt werden. Auf dieser Einsicht aufbauend ist das LEADER-Programm der Europäischen Union entstanden. Leider ist es trotz vielversprechender Zwischenbilanz nur mit knappen Mitteln ausgestattet.

Ich hoffe diese Antwort hat Ihre Frage zumindest ein Stück weit beantwortet. Und ich wünsche Ihnen, dass Ihnen ein:e Kenner:n südfranzösischer Landwirtschaft noch genauer darüber Auskunft gibt, inwiefern die dort aktuell verfolgten Massnahmen zielführend sind.

Mit freundlichen Grüssen, Moritz Maurer

Ihre Antwort zeigt, dass wir mit einem "sowohl als auch" weiter kommen als mit "entweder oder". Ich bin neugierig geworden, was die Sortenzucht bringt.

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Herzlichen Dank für die genaue und informative Antwort.

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